Was ergibt sich aber letzten Endes aus einer Gesamtlektüre der Werke von Jaume Cabré?
Erstens sollte man hervorheben, dass sich jedes seiner Werke um einen wichtigen Aspekt der menschlichen Natur dreht. In L'ombra de l'eunuc (Der Schatten des Eunuchen) wird z. B. die Frage nach der menschlichen Kreativität aufgeworfen; in Fra Junoy... (Frater Junoy...), ist es die Freiheit des Menschen und die Intoleranz; in Senyoria, das Gesetz und die Gerechtigkeit; in La teranyina (Das Spinnennetz), der Wille zur Macht; Galceran... (Galceran...), die menschlichen Leidenschaften, usw. Jedes Werk ist selbständig und zugleich ist jedes Werk ein Teil eines Frieses, der an die großen narrativen Projekte von Romanschriftstellern wie Eça de Queiroz oder Balzac erinnern.
(...)Daraufhin merken wir anhand einer Gesamtlektüre seiner erzählerischen Werke, dass Jaume Cabré lange eine ständige und fleißige Arbeit geleistet hat, um den katalanischen Roman als Gattung zu bereichern. Und hier beziehe ich mich auf verschiedene Punkte formaler Natur:
(1) Argumentanlage: Unser Autor ist ein echter Architekt schwieriger narrativer Strukturen, doch sie sind einträglich, wenn man von Kategorien wie Komplexität und Ordnung ausgeht.
(2) Perspektive: Cabré glaubt nicht an die absoluten Wahrheiten, und deswegen hat er im Bereich der multiplen Erzähler wertvolle Leistungen erbracht, gerade um die Bedingtheit unserer Meinungen in Lebensgrundfragen darzustellen.
(3) Personen: Um diese großen Fragen als Achse, um die sich seine Erzählproduktion dreht, zu verkörpern, hat unser Autor eine vielfältige Galerie von außerordentlichen Personen wie Frater Junoy, Miquel Gensana, Rafael Massó, Julià Rigau, Galceran, Luvowski u.a. geschaffen. Sie leben noch lange nach dem Fertiglesen im Bewusstsein des Lesers weiter.
(4) Szenarios: In seinen verschiedenen Erzählzyklen hat Jaume Cabré es geschafft, eine Topografie zu entwickeln, die als Hintergrund der von ihm erzählten menschlichen Dramen dient. Diese Topografie ist von großer Bedeutung: Es handelt nämlich sich um die künstlerische Übernahme der Landschaften Kataloniens.
(5) Zeit: In den von Cabré für seine Fiktionen ausgearbeiteten Zeitrahmen finden wir scharfe Porträts des Kataloniens des 18., 19. und 20. Jahrhunderts, sodass unser Autor originelle Beiträge im Bereich der historischen Geographie seines Vaterlandes leistet. Im Großen und Ganzen hat Cabré ein Porträt der Geburt des modernen Kataloniens gezeichnet.
(6) Sprache: Im Laufe der Jahre hat Jaume Cabré bei kleinem Feuer eine musterhafte literarische Sprache mit großer Sensibilität und Gewandtheit, doch mit einer scheinbaren Unbezwungenheit gekocht.
(...)Moralische Fabeln, die tiefes Menschenverständnis und eine große Tragweite aufweisen. Dies ist die eingegangene Wette bei den Erzählungen Jaume Cabrés und La teranyina (Das Spinnennetz), der erste von einer langen Liste von Erfolgen.
Aus dem Vorwort zu La teranyina (Das Spinnennetz) in der Ausgabe, Biblioteca Jaume Cabré. Proa Verlag Barcelona 2005.