Zweifelsohne ergibt sich mit zunehmendem Alter ein progressiv fortschreitender Reifeprozess in den Vorschlägen des Erzählers, Ausgangspunkt bleiben dabei immer ähnliche Sorgen. Aus einem ausschließlich literarischen Gesichtspunkt sind die zwei bemerkenswerten Elemente in L'ombra de l'eunuc identisch mit denjenigen, die wir in den früheren Werken des Autors finden: die technische Arbeit um die Figur des Erzählers und die Beherrschung der literarischen Mittel, wenn es darum geht, die Handlung zu konstruieren und zu strukturieren. Während diese zwei Aspekte in den anderen Romanen von Bedeutung waren, so werden sie nun zur Essenz des Werks, zu dem, was diesem einen richtigen Sinn verleiht. Richten wir zunächst einmal unser Augenmerk auf den dem Erzähler. Schon früher, besonders in Euer Gnaden, hat Cabré auf einen konventionellen Erzähler verzichtet und dabei eine Erzählung geschaffen, die dazu in der Lage war, Ansichten, Ideen, ja sogar die Sprache jeder einzelnen Person zu integrieren, ohne sie explizit zu Wort kommen lassen zu müssen. In L'ombra de l'eunuc wird der Bogen noch stärker übergespannt. Da werden nicht nur direkte und indirekte Redewiedergabe kombiniert, auch erste und dritte Person werden vermengt. Ergebnis: Der eigentliche Erzähler und die einseitige Perspektive verschwinden endgültig. Was bleibt, ist nur die Erzählung (beinah habe ich die Geschichte gesagt), der es gelingt, die Ganzheit der Elemente zu integrieren, wie z. B. diesen hypothetischen Erzähler, in dem alles vermengt wird. Es handelt sich in der Tat um ein gewagtes Mittel, das den Text an den Rand der Grammatik treibt, und das uns der Dissonanz-Ästhetik näher bringt; jedoch funktioniert er, weil die Idee sich mit einer akribischen Arbeit an der Sprache -eine der wichtigsten Tugenden des Buches- ergänzt. Dies verhilft einem Register, das ohne eine gute Beherrschung des schriftstellerischen Handwerks einfach allzu gekünstelt geworden wäre, zur Unbefangenheit.
Die Arbeit am Erzähler verfolgt das Ziel, der Erzählung gegenüber dem Gesichtspunkt Vorrang zu geben und die Integration unterschiedlicher Elemente zu ermöglichen. Diese Arbeit führt uns zu einer der Schicksalsfragen in dem Buch: dem Versuch, die Ganzheit in die Geschichte zu integrieren und somit eine Art totalen Roman aufzubauen. Es ist wohl kein Zufall, dass die Erzählung mit einem "sehr lange nach allem" beginnt und ausgerechnet mit "einer tiefsten Sehnsucht nach allem" endet. Zwischen diesen zwei ausdrücklichen Bezugnahmen auf "alles" finden wir gerade eben die Geschichte. Dieses Element führt uns direkt zum zweiten zu betrachtenden Aspekt: dem Aufbau der Handlung. Von der realen Erzählzeit des Abendessens beider Protagonisten ausgehend wird ein Rückblick vorgeschlagen. Der Roman besteht in nichts anderem als in diesem Blick in die Vergangenheit. Und er wird zu einem polyedrischen Blick, der imstande ist, Gesamtheit der ihn ausmachenden Elemente zu integrieren: das Leben des Protagonisten, die Familiengeschichte, usw. Die unterschiedlichen Seiten des Polyeders erhalten ihre Form durch die ineinander verwickelten parallelen Handlungen des Miquel Gensana und seines Onkels Maurici. Es ist eine gut ausbalancierte Struktur, was den allmählichen Eingang Mauricis angeht, und auch weil eine allzu ausdifferenzierte zweifache Handlung vermieden wird. Schließlich sind auch die unterschiedlichen Sätze aus dem Konzert von Alban Berg da, eine Aufbauebene, die als übergestülpt wirken könnte, die es aber ganz und gar nicht ist. Allmählich werden wir erkennen, wie wichtig sie sind - und dass diese Ebene die fast melodischen Wiederholungen rechtfertigt, Wiederholungen, die eher gute Wiederaufnahmen der musikalischen Sätze sind.
Aus dem Vorwort zu L'ombra de l'eunuc (Der Schatten des Eunuchen) in der Ausgabe 'Biblioteca Jaume Cabré ' Proa Verlag Barcelona 1998